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Deutsche Frage                                   und abendländische Leitkultur


                                                                 
                                                                           
                                                     
Der Berliner PDS-Politiker Klaus Lederer veröffentlicht im Internet ( www.Torpedokäfer.de / Verfassung&Demokratie) eine Polemik gegen einen Artikel von mir, den sein Parteiblatt Neues Deutschland am 30./31. Januar 1999 gedruckt hatte. Unter dem Titel Die Linke und neue Leitkultur? wurde Lederers Entgegnung damals vom Neuen Deutschland auszugsweise wiedergegeben (ebd. 13./14. 2. ´99), aber das hat ihm nicht gereicht. Also ging er ins Internet. Das missfällt mir, denn ich würde gern durch intelligentere Beiträge der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Ich kann es aber nicht ändern. Doch kann ich die Dinge ins rechte Lot bringen, indem ich den Originaltext dagegensetze – das ND wird es erlauben. Ich versage mir auch nicht, meine Antwort auf Klaus Lederers Antwort anzufügen die hat das Neue Deutschland damals nämlich abgelehnt. Sie sei „zu lang“, hieß es; man bot mir an, meinen Text zu kürzen – gerademal (aber ausgerechnet) um den letzten Absatz!
                   
  • ...das Ende des deutschen Jahrhunderts
  • Zwiespalt ist unser Nationalcharakter

                            

                                                               

                                                  

Schily, Walser, Enzensberger und...
...das Ende des deutschen Jahrhunderts

              

                             

Ein Essay von Jochen Ebmeier


Als im November '89 in Berlin die Mauer fiel, da hieß es, nun sei die Nachkriegszeit endlich vorbei. Das ist fast ein Jahrzehnt her, und doch zeigt uns manche Meldung des Tages, daß zumindest die deutsche Frage immer noch ein kleines Bißchen offen ist. Sind wir nun wohl ein Volk "wie alle andern"? Oder dürften wir es nicht - wenn wir es wollten? Und eigenartig: Nirgends zeigt sich krasser, daß die Linke nicht mehr ist, was sie war; oder daß doch manch ein Linker nicht mehr ist, was er war.

                          

Schily...

                      

Voran Otto Schily. I wo, "das Boot ist voll" hat er niemals gesagt, wo denkst du hin, deutscher Wähler! Er hat lediglich gemeint, ein Einwanderungsgesetz sei gegenwärtig nicht vordringlich, denn zur Zeit müßten wir ja ohnehin "die Zuzugsrate gleich Null setzen". Ach so, das Boot ist "nur zur Zeit" voll! (Ob aber Schily während seiner Amtszeit den Tag erlebt, wo...?) Und überhaupt ginge es ja nicht darum, was er sich wünscht, sondern, wie es fauldeutsch heißt, um die "Akzeptanz in der Bevölkerung". Ja, er selber wäre schon für die multikulturelle Gesellschaft, aber wenn die "Bevölkerung" (wo sonst läßt sich ein Staatsvolk wohl so nennen?) sie nicht will, dann... geht's nicht. Schau einer an! Das nenn' ich einen kühnen Entwurf.

                  

Als Programmlosung war "Multikulti" eine Lüge, und zwar unabhängig von Stimmungen. Die europäische Zivilisation ist universalistisch, weil sie... abendländisch ist. Die normative Idee der Person - und, als ihre Rückansicht, die von einem geordneten öffentlichen Raum als dem Ort ihrer Anerkennung - ist der Grund der abendländischen Kultur. Es ist die Scheidung der Lebenswelt in einen öffentlichen und einen privaten Bereich, die bürgerliche Freiheit möglich macht - und damit die Pluralität der Lebensstile. Das setzt freilich voraus, daß im öffentlichen Raum die abendländische Prämisse gültig bleibt: der normative Rang der Person. Diese Prämisse macht die westliche Kultur zwar einerseits universalistisch, aber unterscheidet sie andererseits von allen anderen. Sicher war sie immer wieder in Gefahr und muß verteidigt werden. Eben! Die Menschenrechte sind westliche Kultur, und sie gelten entweder universell, und also in China, Chile oder Kurdistan, oder sie gelten gar nicht. Das heißt, neben ihnen kann nichts anderes gelten. Und wie im Großen, so im Kleinen. Der öffentliche Raum gehört allen zugleich, und nicht stückweise diesen oder jenen, und seien die Stücke noch so launig oder bunt.
                               

Das Lügenwort von der multikulturellen Gesellschaft dient der Heuchelei. Das Problem in Deutschland sind gar nicht die Ausländer. Etwa Italiener, Spanier, Griechen? Oder Franzosen und Holländer? Man tut so, als handle es sich um Verfassungsfragen, die grundsätzlich und gesinnungshaft zu erörtern wären - um sich an konkreten Aufgaben vorbeizudrücken. Es geht um die Türken. Eine millionenköpfige nationale Minderheit, deren Einführung in die deutsche Kultur auch in der dritten Generation noch keine vorzeigbaren Fortschritte gemacht hat. "Multikulti" bedeutet nur: Man darf den Türken gar nicht zumuten, sich in die deutsche Kultur hinein zu begeben. (Daß das Schlagwort bei den meisten Repräsentanten der türkischen Gemeinden in Deutschland weniger populär ist als bei der rhetorischen  Linken, läßt aber hoffen.)

                 
Richtig ist freilich dies: Für die Integration einer Minderheit in ein fremdes Wertgefüge wäre deren Selbstgewißheit sicher eine günstigere Voraussetzung als ihr Zweifel an der eigenen Identität. Mit ihrer Identität haben es die Türken allerdings schwerer als andere Völker. Eine türkische Nationalkultur gibt es eigentlich erst seit Kemal Pascha. Ihr Rahmen ist die zentralistische weltliche Republik, und ihr Gründungsakt war der Völkermord an den Armeniern und die Vertreibung der griechischen Urbewohner von der ionischen Küste vor einem dreiviertel Jahrhundert. Der Versuch, diese dünne Basis historisch zu fundieren, führte entweder in die islamistische oder in die rassistische,"panturanische" Richtung der Grauen Wölfe. In beiden Fällen rührte er an die Grundlage der modernen Türkei. Kein Wunder, daß Türken sich in fremder Umgebung unwohl fühlen. Und wenn dann noch die Kurden dazu kommen...

                          

Auch sonst ist die türkische Volksgruppe in Deutschland ein Unikum. In keinem andern Land der Welt lebt eine nationale Minderheit, die mit ihrem Gastland historisch überhaupt nichts zu tun hat! Reden wir nicht von den Afrikanern in Amerika. Die Inder in Ostlondon und die Algerier in der Pariser Banlieue verbindet mit ihrem Gastland - im Bösen wie im Guten - eine gemeinsame koloniale Vergangenheit. Die kulturellen Eliten Indiens und Nordafrikas hatten in England und Frankreich studiert und fanden ihren Stolz darin, beide Kulturen gegenüber der jeweils anderen Seite zu repräsentieren. Eine ähnlich vermittelnde Elite haben die deutschen Türken noch nicht hervorgebracht. Nicht zuletzt wohl aus dem genannten Grund - aber umso nötiger wäre es.

                           

Wer sagt den Kindern der dritten Generation, wie sie sich benehmen sollen? Wie sie sich in der Türkei benehmen müßten, wissen ihre Eltern auch nur aus Erzählungen; wie sie sich in Deutschland benehmen sollen, können sie ihnen überhaupt nicht sagen. Das müßten schon die Deutschen selber tun. Und das ist der springende Punkt. Die Deutschen, die, aller „geistig-moralischen Wende“ unerachtet, seit '68 den öffentlichen Ton angeben, können den Satz wie man sich in Deutschland benimmt ja gar nicht aussprechen, ohne zu stottern! Schon wenn sie "Deutschland" sagen sollen, müssen sie husten. Da konnte man im Sommer 1990 auf dem bröckelnden Hausputz in Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzelberg die kecke Losung "Nie wieder Deutschland!" finden. Doch so anarchistisch radikal, wie es klang, war es nicht gemeint. Es sollte nur heißen: In unsern Nischen war's doch recht bequem.

                    

Und so kommen wir zu 

                 

...Walser

                

Also wir sind jetzt wieder eine Nation - wie alle anderen. Nicht trotz Auschwitz sind wir es, sondern wegen Auschwitz sind wir es mehr als die anderen. Nicht, weil wir uns, qua Sippenhaft, mit allen Deutschen schuldig fühlen müßten. Sondern schlicht und einfach, weil wir dazugehören: Mit Auschwitz verbindet mich so viel und so wenig, oder so wenig, aber auch so viel wie mit Goethe, Beethoven und Kant; und mit den Juden Marx und Luxemburg. Alles in allem ist es viel. So viel, ach, wie kaum eine andere Nation zusammenhält.

                  

Die deutsche Teilung bot die Gelegenheit, sich nach Auschwitz aus der Nation heraus zu stehlen. Da folgte aus dem völkerrechtlichen Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik einerseits die sogenannte "Wiedergutmachung", andererseits eine postume innere Emigration der (damals) heimatlosen Linken; recht eigentlich eine Komfortversion davon, denn sie fand coram publico statt. Dann kam das Jahr '68 und die Abrechnung mit der Generation der Väter. "Wo warst Du eigentlich damals?" hieß es in vielen Wohn-zimmern, und in noch mehr ande-ren blieb es ungesagt in der Luft hängen, was die Sache nur schlim-mer machte. Das war wohlbemerkt nicht bloß ein - wiewohl allgemeines - Familienproblem. Die (wenigen) Kinder aus den Familien der Opfer hatten es nicht besser: Wohin wir blickten, zum Nachbarn, zum Straßenbahn-schaffner, auf unsre Lehrer oder auch die nette Verkäuferin im Spielzeugladen - wir waren von Erwachsenen umgeben, die alle in unfaßlicher Weise Schuld hatten. Und das Schlimmste: die meisten nicht einmal aus Verblendung, sondern aus gewöhnli-cher Feigheit. Also die sollten uns zeigen, wie es in der Welt ist? So war die Grundstimmung einer ganzen Generation, und im Jahr '68 kochte sie über. Nicht in Frankreich oder USA, son-dern in Deutschland fand in jenem Jahr eine Kulturrevolution statt.
                             

Freilich auch nur im Westen. Die eigentliche Teilung Deutschlands geschah 1968. Die DDR nahm sich aus dem nationalen Erbe, was ihr paßte. Sie hatten Weimar; sollten sich die andern mit Auschwitz plagen! Ein alter Nazi mit neuem Parteibuch war nie ein Nazi gewesen. Es gab nichts zu bewältigen. So brauchte denn die NVA auf Stechschritt und Präsentiermarsch nicht zu verzichten. Und der bequemere Teil der Linken im Westen mußte nicht lange heimatlos bleiben. Sie waren gleich zweimal zuhause. Den Kühlschrank im Westen und das beruhigte Gewissen drüben im Friedenslager: damit "von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht". Nur in dieser Verneinung durfte Deutschland noch vorkommen. Im übrigen aber waren "die Nation historisch überlebt" und die Deutschen nur noch Bevölkerung... Und gegen die Zweifler in jenem Landesteil, wo Zeitungen schreiben konnten, was sie dachten, schwangen die Gerechten ihre Moralkeule: Auschwitz als Erpressung! Walser weiß, von wem er redet. Aber Bubis hat ihn mißverstanden. Der dachte, er redet von Geld. Doch warum hat Walser nicht gesagt, wen er meint? Weil noch nicht so lange her ist, daß er selber dazu gehörte. Es ist ehrbarer, daß einer seine Meinung ändert, als wenn er den Torheiten seiner Jugend eitel Treue hält. Doch glaubwürdig wird es, wenn er uns wissen läßt, welcher Weg hinter ihm liegt. Stattdessen redet Walser von seiner Befindlichkeit - daß ihm die Augen weh tun und daß er wegsehen muß.

                                

Aber immerhin: Er hat nicht bis zum Mauerfall gewartet, um zu sagen, daß es eine deutsche Frage gab, die offen war. Das war ein Geschrei, damals! Irr' ich mich, oder war da von geistiger Brandstiftung die Rede? Heut sagt er, er kann's nicht mehr hören. Es klang aber so, als sollten wir nicht länger davon reden. Was wäre das überhaupt - ein Schlußstrich? Der Mantel des Vergessens? Ein Mahnmal wäre kein Schlußstrich, sondern ein Ausrufzeichen. Auch ein solches markiert den Abschluß einer Periode. Es zeigt an, daß Auschwitz nun Geschichte ist. Aber eben unsere Geschichte. Neben den Dicherfürsten vorm Weimarer Theater und dem Hermann im Teutoburger Wald noch ein nationales Monument; es würde sonst etwas fehlen.

                        

Der hervorragende Zug im deutschen Nationalcharakter ist, spätestens seit dem 30jährigen Krieg, seine Zerrissenheit. Was "das Deutsche" sei, war daher immer umstritten. Doch daß es seit Auschwitz gar nichts mehr sein sollte, war faul und feige. Unter solchen Vorzeichen nun die türkische Minderheit bei uns aufzunehmen, wäre ein Kraftakt, auf den sich unsere gezeichnete Nation wieder etwas einbilden dürfte. Allerdings müßte die Herausforderung dazu als eine nationale erkannt werden. Die doppelte Staatsbürgerschaft würde sie eher vertuschen. Wie sollte es unter der Hegemonie des gemeinlinken Diskurses aber auch anders gehen?
                  

Enzensberger...  

                                       
Auch Enzensberger hat einen Preis bekommen und eine Rede gehalten. Aber er sprach weniger von seinem Befinden als von Sachverhalten. Das hat zwar nicht so viel Betroffenheit berührt, hat dafür aber mehr allgemeine Bedeutung. Verknappt kann man ihn so wiedergeben: "Links" ist nur noch der gemeinsame Nenner aller Zu-kurzgekommenen; und er ist gar nicht so klein. Und es geht ihnen gar nicht so schlecht. Für den zeitgenössischen Linken besteht die Welt zuerst einmal aus Opfern - und daher muß es zweitens auch Täter geben: die Andern. Täter wird man auch durch Nichttun; also durch falsche Gesin-nung ("fehlendes Bewusstsein"). Ein Linker wird man aber durch das Outen von Opfern und die Bereitschaft, für sie ein-, d. h. aufzutreten - sowie durch Namhaftma-chung von Tätern. Der Auftritt, die Pose: das nennt Walser die "Instrumentalisierung von Auschwitz".

Historisch hat "links" mit Caritas und Sorge für die Bedürftigen gar nichts zu tun. Der Ausdruck stammt aus der Sitzordnung der französischen Abgeordnetenkammer unter der bourbonischen Restauration. Rechts saßen die Vertreter der dynastischen Legitimität, links saßen die, die (noch) der Revolution anhingen. Und so blieb es. Links und rechts definierten sich durch Nähe oder Ferne zur Revolution. Zur demokratischen zunächst. Dann, mit der Pariser Juniinsurrektion 1848, zur sozialen, "roten". Hatte sich nicht im Proletariat, wie es in dem eben erschienenen Kommunistischen Manifest beschrieben stand, ein besonderer Stand her-angebildet, der schon keiner mehr war, der in sich die Auflösung der bürgerlichen Gesell-schaft darstellte, und dessen partikulare Interessen daher in eins fielen mit dem Frei-heitsinteresse "des" Menschen? Seither datiert das besondere Verhältnis der Linken zur Arbeiterschaft. Aber   nicht, weil sie bedürftig, sondern sofern sie revolutionär war.

                 

Sofern!

                          

Die Aktualität der Revolution war nach der Pariser Kommune die stille, nach dem Oktober 1917 die ausdrückliche Prämisse aller Politik. Das 20. Jahrhundert kündig-te sich an als "Epoche der Weltrevolu-tion". Daraus ist dann nichts geworden. Die Arbeiterbewegung beschied sich nach ihrem revolutionären Fehlstart in Rußland mit dem ihr Nächstliegenden, der Versor-gung der dringendsten Not und der Be-friedigung unmittelbarer Bedürfnisse. "Hineinwachsen" in die Marktwirtschaft, durch die regulierten Kanäle von Gewerk-schafts- und Parteiapparaten und eines aufnahmefähigen Öffentlichen Diensts - das war der wirkliche Ausgleich der Klassengegensätze, war der realexistierende Sozialismus. Mit dem Untergang der Sowjetunion ist das Ende der Weltrevolu-tion dann gewissermaßen auch amtlich geworden.

                                 

Gemeinsam mit der revolutionären Prämisse entfällt das privilegierte Verhältnis der Linken zur Arbeiterschaft. Ohne Revolution keine "Bildung des Proletariats zur Klasse", und ohne diese kein Klassenkampf. Die Interessen der Arbeiter sind ständische Interessen und so gut oder schlecht wie die andern. Der Ruf nach Gerechtigkeit allein macht noch keine Linke. Denn die beansprucht jeder, doch meint nicht jeder dasselbe damit. Daß allen dasselbe zukommt, meinen nur die Zukurzgekommenen - bis sie selber mehr haben. Mit der Revolution ist der Linken ihr logischer Grund verloren gegangen. Daß Enzensberger einen Schlußstrich zieht und mit den Poseuren und Phraseuren nicht länger zu tun haben will, ist die richtige Konsequenz eines, der es ernst gemeint hat.

                             

...und das System von Jalta

                                   

 

Mußte aber die russische Revolution scheitern? Ist die Welt-revolution an innerer Schwäche versandet oder an Wider-sprüchen zerbrochen - und an welchen? Nach den Wirkungen kennt man, mit Nietzsche zu reden, andere Ursachen als davor. Daß dies und jenes geschehen ist, besagt ja nicht, daß nichts anderes hätte geschehen können. Daß in Rußland eine Welt-revolution begonnen hatte, stand jahrzehntelang nicht in Zweifel, den einen zur Hoffnung, den andern zum Greuel. Die deutsche Novemberrevolution sollte das zweite Kapitel wer-den, aber sie kam zum Stillstand. Und nach ihr die russische: Der Sozialismus in einem Land kam auf die Tagesordnung, die Weltrevolution wurde vertagt. Ohne Stalin wäre Hitler nicht an die Macht gelangt. "Der Schlüssel zur internationalen Lage liegt in Deutschland", schrieb Leo Trotzki unmittelbar vor Hitlers Sieg, und behielt recht bis zur Neige des Jahrhunderts. Denn ohne Hitler hätte sich Stalin nicht gehalten. Gemeinsam haben sie der Welt-revolution den Garaus gemacht, übers Grab hin-aus. Die Spaltung der Welt in zwei Blöcke, der Eiserne Vorhang, die Aufteilung Europas und die "deutsche Zweistaatlichkeit" waren beider Erbe. Die Fellow travellers im literarischen Salon wußten es zu danken: reinen Gewissens immer auf der richtigen Seite, ohne je ernst machen zu müssen.

                                           

Das System von Jalta war die Grundlage für das Parteiengefüge in Nachkriegs-Europa. Als Kriterium für rechts und links war anstelle der Revolution ihre Kümmerform, der "Wettbewerb der Systeme" getreten. Gegenüber standen sich Atlantiker und Friedensfreunde. Populistisch waren sie alle: Es galt, Wahlen zu gewinnen. Unser soziales Netz, das wir heut kaum noch bezahlen können, wurde unter Adenauer und Erhard geknüpft. (Der Liberalismus überlebte als Mehrheitsbeschaffer.) Und das ist mit dem Fall der Berliner Mauer alles vorbei: In ihr war der "Sozialismus in einem Land" con-crete geworden. Mit der Spaltung Europas verfiel die deutsche Teilung, die krampfhaft geleug-nete deutsche Frage löste sich „wie von selbst“. Im mühsam vereinten Europa werden sich die Parteien neu gruppieren müssen. Und will es Bestand haben, muß es mehr werden als ein Binnenmarkt mit Schengener Außengrenze; nämlich Abend-land - als der Raum, in dem die Briten Briten, die Franzosen Franzosen, die Italiener Italiener und die Deutschen Deutsche sein können, ohne einander zu nahe zu treten. Ironischerweise ist es die Überwindung des Nationalstaats, die den Deutschen erlaubt, eine Nation zu sein, ohne es rechtfertigen zu müssen. Es wurde auch teuer bezahlt. Ohne Übertreibung wird man das zu Ende gehende Jahrhundert, als Epoche der gescheiterten Weltrevolution, ex negativo das deutsche Jahrhundert nennen können.

                     

Und stiftet das etwa keine Identität?

                                           


                                                       

[unter dem Titel „Unser so besonderer Zug – Auschwitz, die Linken und das deutsche Jahrhundert“ erschienen  in: Neues Deutschland, 30./31. Januar 1999]


                   

                                     

                                   

  • Zwiespalt ist unser Nationalcharakter                  

          [vom "Neuen Deutschland" abgelehnt]

                                  

                                        

"Der hervorragende Zug im deutschen Nationalcharakter ist, spätestens seit dem 30jährigen Krieg, seine Zerrissenheit. Was 'das Deutsche' sei, war daher immer umstritten." Klaus Lederer ist anderer Meinung. Er weiß genau, was typisch deutsch ist: "Konformität, Treue, Rechtschaffenheit und Anständigkeit". Allerdings handle sich's dabei um "Sekundärtugenden", mit denen wir uns zur "Aufklärung und der mit ihr verbundenen Individualität" in einen Gegensatz stellen. Bei anderer Gelegenheit wolle er uns erklären, was Anständigkeit mit Konformität zu tun hat und inwiefern sie mit Individualität unvereinbar sei (mit meiner ist sie's nicht). An dieser Stelle bestreite ich ihm nur die Befugnis, das "typisch Deutsche" in drei Worten zu erschöpfen. Was hat nicht alles schon - und mit demselben Recht! - als "typisch deutsch" gegolten: Pedanterie und Überschwang, Plumpheit und Poesie, Innerlichkeit und Aggression, gemütliches Selbstgefallen und himmelstürmender Größenwahn, Tiefsinn und Technik, Dumpfheit und Dialektik, Romantik und Realpolitik, der gottergebene Fleiß des Ackerviehs ebenso wie faustisches Genie; Beamtendünkel und versonnene Philosophen, Kunst und Ursprung, Dämon und Philister; Weltanschauung und Schrebergarten, Todesverachtung und Vollwertkost. Aber alles gründlich!

                                             

Gegensätze gibt es wohl auch bei den andern. Doch als typisch wird dort jeweils nur eins von beiden gelten. Bloß für uns sind die zwei Extreme immer gleich-charakteristisch:"Daß der Deutsche doch alles zum Äußersten treibet / Für Natur und Vernunft selbst, die nüchterne, schwärmt!" heißt es in Goethes Zahmen Xenien, und die zwei Seelen, ach, in seiner Brust kann ein Deutscher gar nicht mehr nennen, ohne daß es abgedro-schen klingt. 'Das Deutsche' ist immer auch... das Gegenteil; seinem Wesen nach offenbar unbestimmt, aber das mit aller Schärfe. Nein, lieber Klaus Lederer, der deutsche Michel ist nicht das ganze Deutschland. Dazu gehören noch Kant und Fichte, Marx und Engels, Schopenhauer und Nietzsche - lauter, mit Verlaub, radikale Denker! Diese Radikalität ist sicher nicht für jeden Deutschen - Sie, Jörg Schönbohm oder mich - typisch. Aber sie kommt doch nur bei uns vor. Nämlich immer da, wo sich deutscher Tiefsinn mit abendländischem Scharfsinn paart. Auch der Hang zu Endlösungen stammt freilich aus dieser Mischung.

Wär da nicht die "multikulturelle Gesellschaft" das probate Gegenmittel? Doch leider ist das nur eine journalistische Wort-blase. Schillernd, aber ohne Inhalt. Wenn in einer Gesellschaft unterschiedliche Wertsysteme nebeneinander bestehen, mit-einander konkurrieren und einander womöglich wechselseitig "aufheben" können, dann ist das - und nicht irgendwas sonst - eben ihre Kultur. Eine "ökumenische", alias universalistische Kultur. Die ist aber, nicht wahr, nur möglich unter dieser Vor-aussetzung: der Scheidung der Lebenswelt in ein öffentliches und ein privates Reich. Nur da wird das Individuum zur Person, wo ihm seine Freiheiten garantiert sind durch einen rechtlich verfaßten öffentlichen Raum. Person wird das Individuum erst durch Anerkennung. Öffentlichkeit ist die Instanz, wo sich die Meinungen aus Gründen rechtfertigen müssen, wenn sie als persönlich gelten sollen; und ist der Platz, wo die Werte - die moralischen wie die ökonomischen - sich im Wettbewerb, in der Krisis vergesellschaften. Es ist die Problematizität konkurrierender Werte, die eine Kultur unter Spannung setzt und dem Einzelnen eine Wahl, nämlich eine persönliche Bildung abverlangt. So, und das ist das Kennzeichen des Abendlands. Nicht, dass es immer so war, sondern daß es schließlich so geworden ist, aber auch nicht erst seit gestern, sondern in einer jahrtausendelan-gen Geschichte. Konnte das, lieber Klaus Lederer, in Verges-senheit geraten - bloß weil die DDR in dieser Hinsicht, wie André Brie meint, "noch totalitärer" war als der Nationalsozia-lismus? Der versuchte Ausstieg aus dem Abendland hat sechs-undfünfzig Jahre gedauert. Vor knapp zehn Jahren ist er zum zweiten Mal und endgültig gescheitert. Das war doch ein Glück, oder?

                            

Nicht, daß die Türken in Deutschland eine andere, gar eine morgendländische Kultur haben, ist das Problem. Die haben die Inder in England und die Algerier in Frankreich auch. Sondern daß sie sich in drei Generationen zu einer nationalen Minder-heit stabilisiert haben, deren Integration noch auf sich warten läßt. Die Losung von der multikulturellen Gesellschaft steht im Gegensatz zur Integration - die eine erst noch zu bewältigende Aufgabe wäre. Wenn nach allem, was wir Deutschen uns in diesem Jahrhundert aufgeladen haben, jemand den Mut hat und allen Ernstes einer von uns werden will - das können wir ja nur begrüßen, und selbst die CSU ist, wie ich höre, inzwischen dafür. Wenn er mal nur weiß, worauf er sich da einläßt! Oder wird er uns gar sagen: "Auschwitz? Da will ich nichts mit zu tun haben!"

                                

Ach, dabei fällt mir ein - die "multikulturelle Gesellschaft" haben sich Mitte der achtziger Jahre ein paar ergraute 68er in der Kreuzberger Alternativen Liste ausgedacht. Die meinten auch, die Nation sei "historisch überlebt" und hielten die "deutsche Zweistaatlichkeit" für eine Gewähr, "daß von deut-schem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht". Damals kam es auf, von den Deutschen als von der "Bevölkerung" zu reden: Wie nach dem 30jährigen Krieg war Deutschland "nur ein geo-graphischer Begriff" - aber es gab noch Leute, die seinen Boden bevölkerten. Im Ernst: Die "multikulturelle Gesellschaft" wurde nicht um der türkischen Minderheit willen ausgeheckt, sondern damit sich die bequeme Linke, als sie sich aus der deutschen Geschichte davonstahl, dabei auch noch ihrer Kühn-heit brüsten durfte: faul und feige!
                              

Vier Jahrzehnte lang haben die Türken in Deutschland in der Vorstellung gelebt, sie wohnten auf gepackten Koffern. Aber jetzt werden Enkel, bald schon Urenkel hier geboren! Eine lebenslange Subkultur in der Schwebe zwischen zwei Welten - das entnervt und demoralisiert. Immer schärfer wird darum in den türkischen Gemeinden der Konflikt zwischen denen, die sich integrieren, und denen, die sich absondern wollen. Das ist ganz normal und völlig in Ordnung. "Schwebende" Staatsan-gehörigkeiten müssen die Ungewißheit verewigen und das Dilemma vertiefen. Doch jene, die gegen die Integration und für das "Identität wahren" optieren, landen im Lager der islamischen Integristen oder der Grauen Wölfe - weil sie eine andere Alternative nicht haben. Darf ichs noch einmal sagen? Die abendländische Kultur ist universalis-tisch, aber gerade darum nicht beliebig. Mit Rassismus und Integrismus verträgt sie sich nicht.

                                 

Klaus Lederer klärt mich auf, daß die westliche Zivilisation nicht gerade ein Produkt deutschen Wesens sei. Ich revanchie-re mich mit dem Hinweis, daß nichts desto weniger das abendlän-dische Prinzip nirgends weiter getrieben wurde als bei uns. Nicht durch unser Verdienst, im Gegenteil: als unser Schicksal. Nämlich durch die Erblast der deutschen Zerrissen-heit. Nirgend sonst stoßen die gegensätzlichen Elemente der abendländischen Kultur so hart aufeinander wie hier; nicht vermittelt in einem Medium, sondern bei einander gehalten unter einem Spannungsbogen. Die reichste Kultur ist die, wo die Anordnung, die Umordnung der Werte prozessierend immer wieder neu geschieht - in der Öffentlichkeit. Sie ist das Fege-feuer, die Krisis in Permanenz. Öffentlichkeit ist allerdings nicht unsere stärkste Seite. Im Gegenteil. Immer litten wir unterm Provinzialismus und dem Mief unserer "Milieus". Hier die Waldsiedlung Wandlitz, dort das U-Boot Bonn. Doch immer weniger können wir uns das leisten in der neuen Berliner Republik - vom neuen Europa ganz zu schweigen.  

                                  

Ich will auch die Frage beantworten, warum ich Marx und Luxemburg "heranziehe". Da heißt es immer, die Idee der Weltrevolution sei eine orientalische Heilslehre gewesen und eigentlich ein Fremdkörper im Abendland. Dabei ist sie in Wahr-heit die abendländische Idee par excellence: der Jüngste Tag, wo Alles an die Öffentlichkeit kommt und gerichtet wird. Sie ist, als Moment gedacht, das, was die bürgerliche Gesellschaft als Prozeß wirklich ist: Krisis. Eine Welt, eine Öffentlichkeit - und nur noch eine Nation! Nicht zufällig wurde sie von zwei deutschen Emigranten erdacht, dem Sohn eines Pietisten und dem getauften Enkel eines Rabbiners. (Sie ist gelegentlich auch als eine Endlösung aufgefaßt worden.) 

                      

A propos. Auch an dieser Stelle hat Klaus Lederer etwas gelesen, das ich nicht geschrieben habe: Der Linken eine "neue Identität" anzudienen, liegt mir ferne. Im Gegenteil sage ich allen, die es nicht hören wollen: Mit dem Ende der "Aktualität der Weltrevolution" hat die Linke ihre Seinsberechtigung verloren; punctum. Klaus Lederer gehört zu denen, die es nicht hören wollen. Darum wiederhole ich es. Er gehört zu denen, die auf jeden Fall entschlossen sind, "links zu bleiben". Inzwischen wird ihnen selbst die "Gerechtigkeit" von Leuten streitig gemacht, die meinen, Investitionen in die Zukunft seien eine gründlichere Sozialpolitik als das Bedienen von Bedürftigkeiten. Macht nichts. Wenn Euch alle Gründe "wegbrechen" wie die osteuropäischen Märkte - es bleiben ja immer noch die Windmühlenflügel des "Nationalismus und Chauvinismus", an denen Ihr Eure papiernen Lanzen brechen dürft: "Nie wieder Deutschland!" Oder auch, wie war's in der Nische doch jemütlich... Tja, Provinzialismus und Mief des Milieus - eine ganze Partei lebt davon. Zum Glück gibt es "Tendenzen", die dagegen unseren Nationalcharakter mobil machen. Sind wir gefährlich? Na, will ich doch hoffen.

                           
[20. Februar 1999]

                                

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Lesen Sie hierzu auch:

"Abschied von der Weltrevolution"

auf

http://groups.google.de/group/PhilKritForum/web/ddr-das-ende-der-wende